Abschied von der Stephanusgemeinde: Karl-Heinz Großmann im Portrait

Karl-Heinz Großmann am 10. Mai 2017 vor der Stephanuskirche

Karl-Heinz Großmann nimmt Abschied von der Stephanuskirche

Es ist ein eingespieltes Team: Johann Scheiber zieht am „Grünzug Nord“ vor dem Gemeindehaus die Absperrpflöcke aus den Standlöchern, Karl-Heinz Großmann fährt sein Auto vor die Eingangstür. Hausmeister und Mesner Johann Scheiber holt den Rollator aus dem Auto, Großmann steigt lachend aus, geht die Gehhilfe schiebend auf das Gemeindehaus zu, während Scheiber grinsend das Auto verschließt. „Wir kennen uns einfach zu lange“, so Scheiber erklärend – bald 25 Jahre an der Stephanuskirche tätig.

Und doch ist das im Vergleich zu Großmann (68) eine vergleichsweise kurze Zeit: „Wenn ich das jetzt rückwärts denke: Es müssen 37 Jahre sein, die ich in Stephanus bin, bzw. nun war!“ 1970 zog Großmann mit seiner Familie in den Giebel, seine Tochter wurde 1990 in Stephanus konfirmiert, in dessen Folge er in den Kirchengemeinderat gewählt wurde – und in dem Gremium bis 2005 mit die Geschicke der Gemeinde lenkte.

Die Kaffeetasse in der Hand haltend, die Johann Scheiber im zuvor gereicht hatte, sinniert Großmann über sein Wirken in Stephanus: „Obwohl ich ja eigentlich voll im Außendienst beruflich tätig war, sah ich die Probleme und zu erledigende Arbeit in der Kirchengemeinde“ – und schmunzelt: „Eigentlich drehte sich in den letzten 27 Jahren bei mir hier alles um´s Kochen und Bauen!“ Letzteres als Aufsichtsratsmitglied der FLÜWO Bauen Wohnen eG, die im Giebel viele der Wohnhäuser seit Jahrzehnten baut bzw. permanent saniert, war er ja „vom Fach“.

Der Männerkochclub im Juli 2000 vor der Stephanuskirche

Der Männerkochclub im Juli 2000 vor der Stephanuskirche

Sein Steckenpferd, das Kochen, entdeckte er mit einem Kochkurs, den Pfarrer Jörg Schnaithmann (von 1989 bis 2005 Pfarrer an Stephanus) organisiert hatte: „Vier mal im Monat über 8 Wochen hinweg lernten wir hier in der Kirche kochen – in der kleinen Küche, die große von heute gab es noch nicht, der Bereich war eigentlich komplett die Garderobe!“ Und weil´s so lecker und schön war, wurde am Ende aus dem Kochkurs der „Männerkochclub“, dem anfangs neben Großmann auch Werner Schmid, Heinz Aichele, Manfred Hausmann und Herbert „Muggel“ Morlock angehörten, später stießen noch Franz Helm und Herr Gressler hinzu: „Unser erster Interessent war Thomas Bez – er wünschte sich Schnitzel mit Kartoffelsalat und so bewirteten wir erstmals zur WM 1990, das war beim Elfmeterschießen der Fußball WM in Italien beim Spiel Deutschland gegen England“, erinnert sich Großmann lachend.

2004 kochte der Männerkochclub für 800 Gäste in der Stuttgarter Vesperkirche

2004 kochte der Männerkochclub für 800 Gäste in der Stuttgarter Vesperkirche

der Männerkochclub am 15. Dezember 2005

der Männerkochclub am 15. Dezember 2005

Über die Jahre hinweg wechselten die Mitglieder, etwa um 2005 herum stießen Wolfgang Seifert (der „Metzger“), „Alby“ Frank Albrecht, Heiner Scholz, Klaus Weiss und Rolf Röttinger hinzu. Am Ende waren es immer acht oder neun Mitglieder im Kochclub – daran hat sich bis heute nichts geändert. Gekocht wurde lange Jahre auf vier Herdplatten eines „Fiat-Herd“, das Geschirr und Besteck für Bewirtungen wurde von der Diakonie gestellt.

1995 organisierte Großmann erstmals ein „Männerfrühstück“ in Stephanus – zu dem am Ende aber eigentlich nur noch Frauen kamen. „Wir hatten verschiedenste Referenten, unter anderem die damals noch in der Stadtverwaltung tätige Susanne Eisenmann, heute ja die Kultusministerin von Baden-Württemberg“, so Großmann nachdenkend. 1998 wurde das Angebot wieder eingestellt – das Interesse wurde immer geringer, Großmann hatte einfach nicht die Zeit, das „Männerfrühstück“ ehrenamtlich alleine fortzuführen, zumal sich auch kein Nachfolger fand.

die Stephanuskirche im Mai 2017

die Stephanuskirche im Mai 2017

Neben dem Kochen war das Bauen – die Baugrube des neuen Kindergartens ist Großmann noch bestens in Erinnerung. Auch der Anruf der Betonfirma, ob denn für die 2 Stufen vor dem Kindergarten wirklich tonnenweise Beton notwendig sei oder hier nur ein Berechnungsfehler vorliege (was es auch war). „Übrigens: Wenn der Sand im Kindergarten mal komplett getauscht werden muss, wird es zwei LKW-Ladungen brauchen, so tief ist die Wanne für den Spielsand!“, grinst Großmann.

das "alte Jakobuskirchle", die "Holzbaracke" im Volksmund

das „alte Jakobuskirchle“, die „Holzbaracke“ im Volksmund

Und auch im „alten Jakobuskirchle“ war Großmann mit Franz Helm als Erster mit dabei, als es darum ging Mitte der 1990er neue Böden und ein WC einzubauen. 2002 folgte der Neubau des Jakobusgemeindehaus in Hausen.

Zwischen Kirchturm und Vorraum in der Stephanuskirche gab es lange Zeit keine Wand – „es zog wie Hechtsuppe“. Die wurde (feuerfest) unter Großmann´s und Helm´s Regie eingebaut, heute ist sie selbstverständlich: „Auch war es ein großer Kampf den Garderobenbereich aufzuteilen, um eine große Küche einbauen zu können – heute geht es nicht mehr ohne sie!“.

Die ehrenamtlichen Eigenleistungen in der Gemeinde waren schon immer gefragt – „leider wurde es früher mehr geachtet, das Ehrenamt. Heute ist es selbstverständlich und nicht mehr so angesehen wie früher – man macht es einfach. Auch ist die Kirche selber gefühlt zu einem Unternehmen geworden, die Zwischenmenschlichkeit ist mir verloren gegangen“, so Großmann nachdenklich. „Es gab eigentlich keinen Tag, an dem ich all die Jahre nicht für die Kirche da war!“.

Kindermittagstisch

Kinder des Kindermittagstisch 2012

Und als Großmann 2007 in Rente ging, rief er etwas ins Leben, das selbst Zeitungsredaktionen und Radiosender in den Giebel brachte: den Kindermittagstisch, ein Projekt, das unvergleichlich ist und auch heute noch größtenteils vom Team aus der Anfangszeit ehrenamtlich durchgeführt wird. „Mit 500 Euro Spendengeldern startete ich durch! Die Kinder zahlten und zahlen auch heute nur einen Euro für das Essen, rein um eine Wertschätzung zu generieren“. Mit Linsen und Spätzle für 15 Kinder ging es los, auch heute noch ein gern gesehenes Essen bei den Kindern. Dank der monatlichen Spende der FLÖWO von 200 Euro war immer ausreichend Geld für die Einkäufe da, ja es gab sogar Gelegenheit mit den Kindern Ausflüge zu machen, wie z.B. ins Neckarstadion, nach Tripsdrill oder in die Wilhelma.

 

Das VfB-Maskottchen "Fritzle" am 22. Juli 2008 auf der Kirchwiese beim Kindermittagstisch

Das VfB-Maskottchen „Fritzle“ am 22. Juli 2008 auf der Kirchwiese beim Kindermittagstisch

Das Highlight bei einem Sponsorenessen war allerdings das „VfB-Fritzle“ 2008: „Da stürzten die Kinder vor Begeisterung über den Tisch mit den Sponsoren, sie kannten kein Halten!“, amüsiert sich Großmann noch heute. Türkische Kinder wurden mit Kartoffelsalat konfrontiert, brachten gar Boxen mit, um dies den Eltern nach Hause bringen zu können, weil es so lecker sei. Großmann zog sich später zurück, als seine Gesundheit es forderte, auch war der Wechsel beim Kindermittagstisch mit Unterstützung von Diakonin Sonja Berger „nicht sein Ding“, es wurde ihm zu professionell.

2009 zog Großmann mit seiner Frau und Tochter nach Ditzingen – seine Gesundheit spielte über die Jahre hinweg immer wieder nicht mit, seine Behinderung nahm zu – und das zeigte ihm Mängel in Stephanus auf: „Es wäre schön, wenn der Kirchengemeinderat sich Gedanken darüber machen würde, wie man die Kirchenräume für die alternde Gesellschaft – und Menschen mit Behinderung wie mich – deutlich behindertenfreundlicher gestalten kann“, so Großmann. Es fehlt ein Toilettenbereich am Gemeindesaal für Behinderte – die Rampe in den Vorraum ist zu steil, um auf Toilette gehen zu können muss man um die Kirche herum und im Gemeindehaus unten wieder rein -„viel zu umständlich“.

Karl-Heinz Großmann am 10. Mai 2017 vor der Stephanuskirche

Karl-Heinz Großmann am 10. Mai 2017 vor der Stephanuskirche

Großmann zieht sich nun ins Privatleben zurück – ob er nochmals ehrenamtlich tätig wird, lässt er allerdings offen: „Vorerst nicht, ich muss mich um meine Gesundheit kümmern. Ob ich vielleicht mal was vor Ort in Ditzingen machen werde, weiss ich jetzt noch nicht.“ Diese Gedanken zeigen, wie sehr ihn das Leben in Giebel und in Stephanus geprägt haben – „ich bin dankbar, dass ich das miterleben durfte!“, so Großmann – und mit Johann Scheiber´s Unterstützung ging es anschließend zu einer seiner letzten ehrenamtlichen Tätigkeiten in Stephanus: Ab in den Baumarkt und Material für die Gemeinde einkaufen.

Das Interview führte Kirchengemeinderat Hans-Martin Goede am 10. Mai 2017